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Taktiktafel: Bochum (A)

Der Trainer…

…  war Anfang September noch Trainer der U19 des VfL Wolfsburg. Dann wurde Robin Dutt beim VfL Bochum entlassen, nachdem er zuvor seinen Rücktritt angeboten hatte und an der Castroper Straße hieß es, ganz nach Helge Schneider: „Es gibt Reis, Baby.“ Der 46-Jährige war als Profi acht Jahre beim VfL tätig gewesen und von 2011 bis 2016 in verschiedenen Funktionen, u.a. Co-Trainer von Gertjan Verbeek, neben dem Platz. 2015/16 ließ er in der U19 der Bochumer einen sehr ähnlichen Stil wie Gertjan Verbeek spielen, was die Verzahnung zwischen Jugend und Profis vereinfachte.

2016 folgte der Wechsel nach Wolfsburg. Dort führte Reis die A-Jugend zweimal in drei Saisons zur Meisterschaft in der Bundesliga Nord/Nordost; in der Saison 2016/17 sogar ohne Niederlage. VfL-Geschäftsführer Sebastian Schindzielorz bezeichnete seinen ehemaligen Mannschaftskollegen, mit dem er 76-mal gemeinsam auf dem Platz stand, branchenüblich als „Wunschlösung“. Unter Teilen der Bochumer Anhängerschaft gab es dennoch Kritik an der Verpflichtung eines Trainers, der noch ohne Erfahrung im Profibereich ist.

Die Grundordnung…

…  ist in Sachen Formation meist ein klassisches 4-2-3-1. Auch in Sachen Stammspieler hat sich Reis schnell auf einen Kern von Akteuren festgelegt, so dass er versucht möglichst viele Routinen einzuschleifen. Es ist interessant zu sehen, dass Reis versucht eines der Probleme des 4-2-3-1, die hohe Laufintensität für die Außenverteidiger dadurch abzuschwächen, dass er sein Team relativ kompakt stehen lässt, um die Abstände zwischen Verteidigung und Mittelfeld zu verringern. Dies ist einer der Faktoren dafür, dass Bochum nach Regensburg die Mannschaft mit den meisten abgefangenen Bällen ist.

Auffällig ist auch, dass Bochums Tore zu mehr als 50% aus zwei Arten von Situationen fielen: Ecken und Elfmeter. Bereits sechs Strafstöße hat der VfL zugesprochen bekommen, zwei wegen Handspiels, drei wegen Foulspiels und einen, weil ein Ersatzspieler, den ins Aus gehenden Ball innerhalb des Felds stoppte. Alle sechs Strafstöße wurden verwandelt. Hinzu kommen fünf Tore nach Ecken und das obwohl Bochum auf die Spielzeit gerechnet die drittwenigsten Ecken erhält.

Drei dieser fünf Tore nach Ecken wurden per Kopf erzielt, aus dem Spiel traf der VfL zwei weitere Mal nach einem Kopfball. Das rührt vor allem daher, dass Bochum eine der flankenfreudigsten Mannschaften der Zweiten Liga ist. Knapp 18-mal pro 90 Minuten schlägt der VfL den Ball hoch in den Strafraum, etwa fünfmal häufiger als der FCN. Auch deshalb ist der VfL eine der Mannschaften, die am häufigsten ins Kopfballduell geht. Er verliert zwar fast 60% dieser Duelle, kann sich aber vor dem Tor dennoch immer wieder entscheidend durchsetzen.

Der Flankenschnitt hat sich unter Thomas Reis schon gesenkt, bei Dutt lag er noch bei 20 Flanken pro Partie. Im Vergleich zu den Spielen unter Dutt hat sich auch das Pressingverhalten verändert. Schon Dutt ließ teilweise intensiv pressen, doch unter Reis hat sich der VfL zum Team mit der zweithöchsten Pressingintensität der Liga (PPDA-Wert: 7,75) gewandelt, etwas das am vergangenen Dienstag auch den FC Bayern München vor Probleme stellte.

Die letzten Spiele…

…  unter Thomas Reis sind ein Paradebeispiel dafür, wie sich Glück und Pech manchmal eben doch auspendeln. Gegen Dresden, Sandhausen und Darmstadt spielte der VfL jeweils Remis, hatte aber deutlich bessere Chancen als die Gegner. Beim Sieg gegen Heidenheim, dem ersten Bochumer Erfolg der Saison überhaupt, und dem Remis gegen Karlsruhe dagegen hatten die Kontrahenten die deutlich höherwertigen Chancen und hätten allein von der Qualität der Gelegenheiten her gewinnen müssen. Einzig die Niederlage in Kiel vor einer Woche entsprach den Kräfteverhältnissen auf dem Platz.

Rechnet man die Spiele unter Robin Dutt mit dazu, so steht Bochum in der Kategorie expected Points deutlich besser da, als bei den tatsächlich erspielten Punkten. 16,5 Punkte wären bei normaler Chancenverwertung der Beteiligten zu erwarten gewesen, es sind aber nur neun. Das liegt aber nicht daran, dass die Bochumer ihre Chancen nicht verwerten, die zwanzig Tore liegen quasi deckungsgleich auf dem xG-Wert von 19,97. Vielmehr kassiert der VfL mehr Tore als er müsste, 24 statt der statistisch zu erwartenden 17,39. Damit treffen am Montagabend die beiden Teams aufeinander, die neben Dynamo Dresden (+6,26) die höchste Diskrepanz zwischen zu erwartenden und tatsächlichen Gegentoren. Der FCN steht nämlich bei 19 statt 13,73.

Der Schlüsselspieler …

… könnte mit 12 Scorerpunkten sicher Silvere Ganvuola sein. Ein anderer ist für die Art und Weise wie Bochum spielt, aber ähnlich entscheidend: Ex-Clubspieler Danny Blum. Der hat sich in Bochum nach seiner für ihn persönlich weitgehend unerfolgreichen Zeit in Frankfurt wieder in den Fokus gespielt. Fünf Tore, davon allerdings drei Strafstöße, hat der 28-Jährige bereits erzielt. Hinzu kommen vier Vorlagen, drei davon durch hereingeschlagene Ecken, eine durch eine Flanke. Für die Art der Tore, die der VfL erzielt, ist Blum also als essentiell wichtig anzusehen.

Deutlich wurde dies auch unter der Woche im Pokal, als Blum zunächst eine Großchance und dann das Bochumer Führungstor durch Hereingaben vom Flügel vorbereitete. Blum ist aber nicht nur in Sachen Auflegen Spitze. Auf die Einsatzzeit gerechnet schießt auch kein Bochumer häufiger aufs Tor. Von den eindeutigen Stammkräften ist Blum darüber hinaus derjenige, der am häufigsten Steckpässe und Pässe, die zu Abschlüssen führen, spielt. Außerdem schlägt er die meisten Flanken, läuft die meisten Dribblings und hat nach Ganvuola die meisten Ballkontakte im Strafraum.

Der Artikel erschien in leicht veränderter Fassung am 1. November 2019 unter dem Titel „Die Flankenspezialisten“ im Nürnberger Stadtanzeiger, dem gemeinsamen Lokalteil von Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung, auf Seite 40.

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