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Taktiktafel: Sandhausen (A)

Der Trainer…

… machte erste Erfahrungen beim Basketball, wo er die Frauenmannschaft von Vallendar als Trainer erst in die Drittklassigkeit und dort zum Klassenerhalt führte. Viele Jahre später gelang ihm dies im Fußball mit den Herren von Fortuna Köln. In der Kölner Südstadt war Uwe Koschinat fast sieben Jahre und über 300 Spiele im Amt, ehe er vergangenen Oktober nach Sandhausen wechselte. Dort schaffte er den Klassenerhalt, da der SVS in den letzten zehn Spielen der Saison mehr Punkte als sonst jede andere Zweitligamannschaft holte.

Seine Vorstellungen charakterisiert der 47-Jährige sehr offen mit den Worten: „Ich bin kein großer Freund von Ballbesitz-Fußball. Um damit die kompakten Abwehrreihen in der Zweiten Liga aushebeln zu können, braucht man eine enorme Qualität. Ich liebe es, wenn es schnell nach vorne geht.“ Dementsprechend stand Sandhausen in Sachen Ballbesitz in der vergangenen Saison auch auf dem letzten Platz. In der Regel lässt Koschinat so spielen, dass der Gegner das Spiel machen muss und Sandhausen durch schnelles Umschalten in Richtung Tor spielt.

Die Grundordnung…

… ist bei Koschinat nicht dogmatisch festgelegt. Meist lässt er jedoch bei Anpfiff erst einmal im 4-2-3-1 agieren und setzt dann auf Tempogegenstöße über die Außen mit Fokus auf die rechte Seite. Auch wenn diese Auslegung des 4-2-3-1 Ex-Clubtrainer Michael Köllner in seiner Charakterisierung der Formation als „reaktiv“ Recht gibt, ist dies nicht zwangsläufig der Fall. Wie nahezu jede Grundordnung kann auch das 4-2-3-1 aktiv gespielt werden, es ist in Sachen Ausrichtung wohl sogar etwas flexibler als andere Grundformationen.

Der beste Beweis hierfür waren die Spanier, die um 2010 ihren dominanten Ballbesitzfußball in eben jenem 4-2-3-1 aufzogen. Die Tatsache, dass die Spanier so erfolgreich waren, war einer der Gründe dafür, dass zwischen Mitte des letzten und Mitte dieses Jahrzehnts das 4-2-3-1 die vorherrschende Formation in der Fußballwelt war. Da viele Spieler, die derzeit aktiv sind, in der Hochzeit des 4-2-3-1 ausgebildet wurden und es nahezu schlafwandlerisch herunterspielen können, ist es auch jetzt noch oft die Formation, auf die Trainer zurückfallen.

Die größte Bürde im 4-2-3-1 liegt auf den Außenverteidigern: Einerseits sind sie defensiv besonders gefragt, da die Distanz zwischen ihnen und den eigenen Mittelfeldspielern oft groß ist. Andererseits sollen die Außenverteidiger den Spielaufbau ankurbeln und sich ins Offensivspiel einschalten. Mit Diekmeier und Paqarada hat Sandhausen hier für Zweitligaverhältnisse überdurchschnittlich starke Spieler, was die Umsetzung des 4-2-3-1 begünstigt.

Die letzten Spiele…

… waren nur zum Teil typisch für das, was die Grundvorstellung von Uwe Koschinat ist. Am zweiten Spieltag gegen Osnabrück wurden die Sandhäuser mit den eigenen Mitteln geschlagen. Die Gäste überließen Sandhausen den Ball und warteten selbst auf Konter. Sandhausen versuchte die Aufgabe anzunehmen, schob beide Außenverteidiger im Aufbau tief in die gegnerische Hälfte und bemühte immer wieder auf die Flügel zu kommen. Dabei lief sehr viel über die rechte Seite und Rechtsverteidiger Dennis Diekmeier. Allerdings kamen nur wenige Zuspiele an und so hatte Sandhausen tatsächlich die besten Gelegenheiten aus Umschaltsituationen. Da sie aber keine der Gelegenheiten verwerteten, Osnabrück jedoch per Freistoß traf, stand Sandhausen am Ende ohne Punkte da.

Im ersten Saisonspiel in Kiel dagegen spielte Sandhausen den üblichen Fußball. Da man früh in Führung gegangen war, ließ man Holstein kommen und wartete darauf, mit schnellen Gegenstößen ein zweites Tor zu erzielen. Dies gelang trotz guter Chancen nicht, stattdessen glich Kiel aus und hätte das Spiel danach gewinnen können.

Ähnliches, allerdings ohne eigene Führung, gilt auch für das Pokalspiel gegen Gladbach, wo Sandhausen nach der frühen Gladbacher Führung eine ganze Reihe an Gelegenheiten hatte, das Spiel auszugleichen. Größtes Manko der Sandhäuser in den ersten Saisonspielen also: Die Chancenverwertung. Ersichtlich wird dies auch aus den expected goals (siehe Infokasten): Sandhausen hätte nach Chancenqualität schon 5,4 Tore in dieser Saison erzielen müssen. Es war aber erst eines.

Der Schlüsselspieler …

… passt schon auf Grund des Namens in den Hardtwald. Philipp Förster wurde von Koschinats Vorgänger Kenan Kocak nach einem halben Jahr ohne Einsätze beim FCN nach Sandhausen gelotst. Auch nach Kocaks Entlassung spielt Förster eine wichtige Rolle im Gefüge des SVS. Meist agiert der 24-Jährige als offensiver Mittelfeldspieler hinter der einzigen Spitze, genießt aber viele Freiheiten, um sich den Ball auch tief in der gegnerischen Hälfte zu holen.

Dabei zeichnet Förster sich durch eine hohe Kreativität in den Anspielen aus. In der Saison 2018/19 waren nur zwei Spieler in der Kombination Häufigkeit und Genauigkeit bei den kreativen Pässen besser. Auch bei den Pässen, die zu Abschlüssen führten, landete Förster unter den besten fünf Mittelfeldspielern der Liga. Mit acht Torbeteiligungen war Förster in jener Saison auch unter den wichtigsten Offensivspielern des SVS. Nach den Abgängen von Schleusener (FCN) und Wooten (Philadelphia) ist er nun noch wichtiger geworden.

Der Artikel erschien in leicht veränderter Fassung am 16. August 2019 unter dem Titel „Basketball und ein Hauch Spanien“ im Nürnberger Stadtanzeiger, dem gemeinsamen Lokalteil von Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung, auf Seite 36.

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