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Taktiktafel: Ingolstadt (A)

Der Trainer …

… wurde bisweilen schon als „Graf von Luxemburg“ betitelt. Ingolstadt ist nach Arminia Bielefeld Jeff Saibenes zweite Station in Deutschland. Der 50-jährige Luxemburger übernahm die „Schanzer“ nach dem Abstieg aus der Zweiten Liga. Zuvor arbeitete er vor allem in der Schweiz. Sollte man zwei taktische Konstanten an Saibenes Arbeit herausheben, so ist es einerseits das hohe Pressing, das er seinen Teams abverlangt, zum anderen aber auch die hohe Quote an langen Bällen im Spielaufbau.

Das hohe Pressing war vor allem vor Wochenfrist gegen Würzburg zu beobachten, wo die Unterfranken immer wieder sehr früh von einer insgesamt aufgerückten Ingolstädter Mannschaft im Aufbau gestört wurden. Ziel des hohen Pressings ist es, einen kurzen Weg zum Tor zu haben und so schnelle und einfache Abschlusschancen zu schaffen. Ingolstadts 1:0 gegen die Kickers war eine Blaupause für so eine Pressingsituation. Allerdings läuft eine hoch pressende Mannschaft natürlich stets Gefahr mit zu wenig Spielern hinter dem Ball zu sein, wenn der Gegner die Pressinglinien überspielen kann.

Saibene selbst greift im Spielaufbau gern zum langen Schlag durch die Innenverteidiger. In den ersten vier Saisonspielen lag die Quote der langen Bälle zwischen 13 und 17%, selten fällt dieser Wert bei Saibene unter 10%. Der Hauptauslöser für diese Quote sind die langen Bälle aus der Innenverteidigung auf den Stoßstürmer, den Saibene sehr oft als Stilmittel im Repertoire hat und in allen Stationen spielen ließ.

Die Grundordnung…

… ist bei Saibene fast immer 4-4-2 mit flachem Mittelfeld. Jenes „4-4-2 flach“ ist sowas wie das Butterbrot unter den Formationen: Klassisch, einfach, erfüllt seinen Zweck, ist aber auch ein bisschen langweilig. Die Flügel sind im flachen 4-4-2 doppelt besetzt, was heißt, dass man hierüber Druck aufbauen kann. Gleichzeitig hat man im Angriff durch die beiden Spitzen gleich zwei Abnehmer für mögliche Flanken von außen.

In der Regel werden die Stürmer so besetzt, dass einer der beiden Stürmer ein bulliger „Funkturm“ ist, während um ihn herum ein wendigerer Angreifer agiert, auf welchen der größere Stürmer auch Bälle ablegen kann. Saibene spielt dies in Ingolstadt in Reinkultur lässt neben Kutschkemit Kaya oder Bilbija deutlich manövierfähigere Stürmer spielen. Auch in Bielefeld (Klos/Voglsammer) und Thun (Sorgic/Rapp oder Fassnacht) wählte Saibene diese Rollenverteilung.

Gleichzeitig neigt die Grundformation dazu, im Mittelfeldzentrum unterbesetzt zu sein. Einige Trainer kompensieren das, indem sie auf den Außen mit in der Anlage zentralen Mittelfeldspielern besetzen und diese auch nach innen rücken lassen. Bekanntestes Beispiel hierfür ist Diego Simeone, der bei Atletico Madrid auch ein flaches 4-4-2 als Grundordnung wählt. Größtes Manko in der Defensive ist, dass man Probleme mit gegnerischen Spieler bekommt, die „zwischen den Linien“, also nicht klar Mittelfeld oder Angriff zugeordnet werden können, agieren. Positioniert Damir Canadi Robin Hack und/oder Nikola Dovedan dergestalt, könnten sich daraus durchaus Chancen ergeben, auch weil Ingolstadts Innenverteidigung nicht zu den wendigsten gehört.

Die letzten Spiele…

… nach dem Abstieg waren sehr erfolgreich. Nach einem kuriosen 2:1-Auftaktsieg gegen Jena, bei dem Jenas Innenverteidiger Marvin Sarr zwei Eigentore erzielte, holten die Oberbayern weitere sieben Punkte aus den folgenden drei Ligaspielen. Ingolstadt geht als Tabellenführer ins Spiel gegen den Club.

Taktisch sah man in den vier Saisonspielen genau das, was man anhand der Beschreibung von Trainer und Grundordnung erwarten konnte. Saibene ließ ein flaches 4-4-2 spielen, das interessanterweise rechts meist etwas weiter vorgezogen als links agierte, so dass im Anlaufen teilweise fast ein 4-3-3 entstand. Gleichzeitig zeigt der erfolgreiche Saisonstart, dass die blanken Statistiken und die blanken Ergebnisse nicht immer zusammenhängen: Der FCI hatte nach vier Spieltagen die sechstschlechteste Passquote (78%), den drittgeringsten Ballbesitz (42%), lief am zweithäufigsten ins Abseits (11x), aber hatte die meisten Punkte (10).

Der Schlüsselspieler …

… führt die Dritte Liga bei den Fouls an. 17-mal wurde der Körpereinsatz von Stefan Kutschke bereits zurückgepfiffen. Kutschkes harte Gangart, die in seiner Zeit in Nürnberg im Training sogar Raphael Schäfer entnervte, ist aber einer der Gründe, warum er für Saibene wichtig ist. Kutschke ist Kapitän der Schanzer und fungiert mit seiner Art als „aggressive leader“.

Zusätzlich ist er in Saibenes auf lange Bälle ausgerichteten System sehr wichtig. In drei der ersten vier Saisonspielen empfing Kutschke mindestens 17 Pässe, in den vier Jahren zuvor erhielt er insgesamt nur in vier Spielen derart viele Pässe. Kutschke verarbeitet die Bälle, die auf ihn gespielt werden, indem er sie entweder mit dem Rücken zum Tor annimmt und verteilt oder aber selbst den Ball im Lauf annimmt und direkt versucht zum Abschluss zu kommen. Gegen Duisburg war Kutschke an allen drei Toren beteiligt, einmal als Vollstrecker, einmal als Ballverteiler, einmal als Balleroberer. Auch gegen Würzburg traf der gebürtige Dresdner zweimal.

Der Artikel erschien in leicht veränderter Fassung am 9. August 2019 unter dem Titel „Wenn Statistiken wenig aussagen“ im Nürnberger Stadtanzeiger, dem gemeinsamen Lokalteil von Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung, auf Seite 36.

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