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Taktiktafel: Nürnberg (Canadi)

Der Trainer…

… hat seine Vorstellung vom Fußball einst in einer Präsentation vor dem Bund Österreichischer Fußballlehrer dargelegt. Dort fallen in der Beschreibung seiner Spielweise bei Atromitos Athen Sätze wie: Es solle nach Ballgewinn „schnell in die Spitze gespielt werden, gegen eine unorganisierte Abwehr“, man müsse „bei Ballgewinn sofort den Weg in die Tiefe suchen“, es gehe um „schnelles Überwinden des freien Raums“ und ein „hohes Tempo des Balles“. Gepaart mit der defensiven Marschroute „aggressiv den Ball jagen, nach vorne verteidigen“ und der eingeforderten „ballorientierten Raumdeckung“ ergibt sich eine recht klare Vorstellung vom Fußball.

Canadi will Tempo und Aggressivität sehen und zielstrebiges Spiel in die Spitze: „Wir wollen immer das Spiel bestimmen, auch wenn der Gegner den Ball hat.“ Auch wenn er sicher nicht alle Ideen wortgleich nach Nürnberg übernommen hat, fällt auf: Zu Saisonbeginn hat sich die Mannschaft mit der Umsetzung der Ideen schwergetan.

Sie hat dabei hat nach fünf Spielen allerdings genauso viele Punkte geholt wie Atromitos bei seinem Start unter Canadi – wenn auch in unterschiedlicher Zusammensetzung. Während es bei Atromitos vier Remis und einen Sieg gab, waren es in Nürnberg zwar doppelt so viele Siege, aber auch zwei Niederlagen. Was an beiden Stationen aber gleich ist: Es dauert, bis sich die Mannschaft an die Spielweise von Damir Canadi gewöhnt hat.

Die Grundordnung…

… wurde lange gesucht: In Dresden stellte man früh von 3-4-3 auf 3-4-1-2 um. Das 5-4-1 gegen Hamburg war nach einer halben Stunde gescheitert, es folgten Versuche mit einem flachen 4-4-2 im Rest des Spiels und einem 4-1-4-1 in Ingolstadt und Sandhausen. Dort kehrte man dann nach 20 Minuten wieder zum 4-4-2 zurück – und spielte dennoch eine der schlechtesten Halbzeiten des letzten Jahrzehnts.

Zum Spiel gegen Osnabrück – und mit der Ankunft von Michael Frey – ließ Damir Canadi die FCN dann in einer Formation auflaufen, die wohl am ehesten als 3-3-2-2 mit dem Ball und 5-3-2 gegen den Ball notiert werden kann: Vor der Dreierreihe agiert Geis als alleiniger Sechser, während die beiden Flügelverteidiger die Außenbahnen nominell alleine besetzen, tatsächlich aber sowohl von den beiden „Achtern“ unterstützt werden.

Auffallend hier, dass Canadi die zentralen Mittelfeldpositionen gegen Osnabrück mit zwei Flügelspielern (Medeiros, Hack) besetzte – und dies ohne Medeiros‘ Verletzung gegen Heidenheim womöglich wieder getan hätte. Durch deren natürlichen Impuls nach Außen zu ziehen erhielten die Flügelverteidiger immer wieder Unterstützung. Phasenweise wurde dies sogar dadurch verstärkt, dass auch Nikola Dovedan, der als hängende Spitze agierte, auf den Flügel begab.

Die letzten Spiele…

… zeigten spielerisch eine Entwicklung näher an Canadis Vorstellung vom Fußball heran. Gerade in den ersten drei Ligaspielen wirkten Trainer und Mannschaft noch wie zwei Menschen, die beide vom Strauß sprechen, doch während der eine einen schnellen Vogel meint, geht es dem anderen um einen toten Politiker. Denn missversteht man Canadis Anweisung, den tiefen Pass als erste Option nämlich so, dass der tiefe Pass die einzige Option ist, kommt dabei– wie in den ersten Saisonspielen – unansehnlicher Fußball heraus: Der Ball wird immer sofort planlos nach vorne gespielt.

Die Folge: Der FCN hatte in den ersten drei Saisonspiele im Schnitt gerade einmal drei tiefe Pässe, die innerhalb eines 20-Meter-Radius um das gegnerische Tor zum Mann kamen und nur 9,33 Ballbesitzphasen im gegnerischen Strafraum. Wie schwer jene Zahlen es machen, zu Abschlüssen zu kommen, zeigt sich darin, dass der Club in den ersten drei Spielen nur 22 Torschüsse hatte. Daraus drei Punkte und drei Tore zu generieren spricht entweder für Glück oder für Abschlussstärke, sicherlich aber nicht für strukturierten Aufbau.

In den folgenden beiden Spielen änderte sich das Bild. Die angekommenen tiefen Pässe vervierfachten sich auf zwölf pro Spiel, die Ballbesitzphasen im Strafraum stiegen auf 17,5 und die Torschüsse nahezu folgerichtig auf 42. Hätte der Club nicht 112 Sekunden Tiefschlaf gegen Heidenheim eingelegt, die Verbesserung in den beiden letzten Spielen hätte sich auch mit der vollen Punktzahl niedergeschlagen.

Die Schlüsselspieler…

…  sind zwei späte Neuzugänge: Michael Frey und Johannes Geis. Beide sind für die Spielweise von Damir Canadi von enormer Wichtigkeit. Geis als Passgeber in die Tiefe und Frey als Passempfänger in der Tiefe. Die Verbesserung beim Spiel in Tornähe lässt sich an den beiden gut festmachen. 

Frey zeigte in den ersten beiden Spielen viel Präsenz, führte viele Zweikämpfe und berührte den Ball in den zwei Spielen fast genauso oft im Sechzehnmeterraum wie der gesamte FCN in den drei Spielen zuvor. Die Vorlage auf Nikola Dovedan gegen Heidenheim kam daher auch nicht von ungefähr, sondern symbolisiert Freys Spielweise: Körperlich, kopfballstark, teamorientiert.

Geis fiel gegen Osnabrück und Heidenheim auf Grund seiner Fernschusstore besonders auf. Seine Qualität liegt aber vor allem in der Ballverteilung. Seit seiner Ankunft beim Club spielte keiner mehr Bälle ins Angriffsdrittel. Aber er spielt sie nicht nur, sie kommen auch in mehr als drei von vier Fällen an, ein hoher Wert für Bälle in die gegnerische Verteidigungszone. Erst recht, wenn man bedenkt, dass Geis die Pässe meist aus der Tiefe spielt.

Der Artikel erschien in leicht veränderter Fassung am 6. September 2019 unter dem Titel „Eine Annäherung in sechs Fußballspielen“ im Nürnberger Stadtanzeiger, dem gemeinsamen Lokalteil von Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung, auf Seite 36.

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