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Taktiktafel: Heidenheim (H)

Der Trainer…

… hat sein erstes Spiel als Trainer in Nürnberg mit 6:1 verloren. Im Dezember 2008 trat der Aufsteiger Heidenheim in der Regionalliga Süd bei der Zweitvertretung des FCN an und kam böse unter die Räder. Damals wie heute auf dem Platz: Marc Schnatterer und Enrico Valentini. Damals wie heute neben dem Platz: Frank Schmidt. Seit 2007 betreut Schmidt den FC Heidenheim, stieg dreimal auf und nie ab. Dass der gebürtige Heidenheimer als junger Spieler sogar einen Einsatz für den FCN im DFB-Pokal hatte und zwei Jahre später tatsächlich mit dem TSV Vestenbergsgreuth den FC Bayern aus dem Pokal kegelte, wirkt daher fast unwirklich.

Schmidt hat schließlich seine Nische in Heidenheim gefunden und ist inzwischen der am längsten amtierende Trainer im deutschen Profifußball. Immer wieder hebt Schmidt in Interviews hervor, dass das Fachliche (Taktik, Trainingslehre, Sportwissenschaft) für ihn zwar wichtig sei, das Menschliche und die Kommunikation aber an erster Stelle stehe. Wer Schmidt als Protagonisten des Films „Trainer!“ von Aljoscha Pause erlebt hat, der weiß, dass dies keine Worthülsen sind. Schmidt sucht das Gespräch mit seinen Spielern und Mitarbeitern, versucht die Idee des „familiären Clubs mit professionellen Strukturen“ zu leben.

Diese Einstufung bedeutet nicht, dass Schmidt nicht auch Vorstellungen davon hat, wie der Fußball auszusehen hat, den seine Mannschaft spielt. Er versucht nur, wie eigentlich alle lange Zeit erfolgreichen Trainer, die Balance zwischen Taktik und Motivation, zwischen Herz und Verstand zu finden.

Die Grundformation…

… sucht der bekennende Pragmatiker Schmidt nach zahlreichen prominenten Abgängen noch. Ungewöhnlich oft wechselte Frank Schmidt die Grundformationen, probierte viel aus, setzte in Dresden sogar erstmals seit mehr als drei Jahren bei Anpfiff auf eine Dreierkette. In der Regel aber ist die Grundordnung bei Heidenheim ein 4-4-2, bei welchem dem Gegner mehr Ballbesitz hat und Heidenheim nach Balleroberung schnell kontert. In Sachen Ballbesitz waren die Brenzstädter seit dem Aufstieg 2014/15 stets am Tabellenende zu finden, in der echten Tabelle dagegen nie schlechter als Rang 13.

Schmidt fasst diese Haltung dann gegenüber der „Zeit“ auch selbstreflektiert zusammen: „Mein Fußball ist kein Ballbesitzfußball, es soll bei mir in beide Richtungen so schnell wie möglich gehen. Wir schießen viele Kontertore, generell fallen bei uns viele Tore. Mein Ziel ist es, immer aktiv zu sein, ein Spiel nie nur zu verwalten.“

Die letzten Spiele…

… waren eher ernüchternd. Auf einen Auftaktsieg gegen Osnabrück, der allerdings von einem Platzverweis gegen den Aufsteiger begüngstigt war, folgte ein spätes 2:2 gegen Absteiger Stuttgart. Nach dem 2:0-Sieg gegen Ulm im Pokal setzte es dann aber zwei Niederlagen in Dresden und zu Hause gegen Heidenheim.  Eines der Grundprobleme bisher: Die Formation im Sturm ist noch nicht gefunden. Mit Glatzel (Cardiff City) und Neu-Nürnberger Dovedan hat Heidenheim seine beiden Stammkräfte im Angriff und absolute Leistungsträger verloren.

Diese konnten bislang nicht gleichwertig ersetzt werden. Trainer Schmidt hat im Sturm in den letzten Wochen daher einiges ausprobiert: Thomalla und Schmidt mit 4-4-2-Unterstützung, Thomalla alleine im 4-4-1-1, Otto alleine im 4-2-3-1, Otto und Leipertz als Doppelspitze im 3-5-2, Thomalla, Otto und Schimmer als Dreiersturm im 3-4-3 und Schimmer und Thomalla als Doppelspitze im 4-4-2. Eine bevorzugte Ordnung hat sich daraus bisher nicht ergeben. Auch einer der Gründe, warum Heidenheim in den letzten drei Partien lediglich ein einziges eigenes Tor aus dem Spiel erzielte.

Ebenso auffällig: Von den Gegentoren der Heidenheimer, die nicht aus Elfmeter oder direktem Freistoß entstanden, fielen vier von fünf nach Flanken. Etwas anfälliger erscheint hier die rechte Abwehrseite, insbesondere dann, wenn Innenverteidiger Patrick Mainka herausrücken muss, um die Flanken zu verteidigen. Aber auch Rechtsverteidiger Marnon Busch verteidigt derzeit schwach gegen Flanken und versucht damit das Bonmot von Gianluca Vialli, dass der Rechtsverteidiger stets der schlechteste Fußballer auf dem Platz ist, da ein offensivstärkerer Spieler Rechtsaußen und ein defensivstärkerer Spieler Innenverteidiger wäre, zu beweisen. Mit Angriffen über die eigenen linken Offensivseite hat der Club also womöglich einen Ansatzpunkt für seine Angriffe.

Der Schlüsselspieler…

… ist nicht länger der ewige Marc Schnatterer. Das spielende Urgestein ist zwar immer noch wichtig, ist aber bislang noch nicht so recht in Fahrt gekommen. Vier Torschüsse in vier Spielen, kein Tor, keine Vorlage und verhältnismäßig viele Ballverluste deuten darauf hin, dass sich die 33 Jahre bei Schnatterer inzwischen doch bemerkbar machen. Auch wenn die Angriffe in dieser Saison überproportional über links laufen, ist Schnatterer auf der rechten Seite und in der Hierarchie mit seiner Erfahrung immer noch von enormer Bedeutung. Auf dem Platz jedoch ist ein anderer der wichtigste Akteur: Niklas Dorsch.

Vor einem Jahr auch vom Club umworben, entschied sich der 20-Jährige aus der Bayern-Jugend bewusst für einen Wechsel in die Zweite Liga, um dort Spielzeit und Erfahrung zu sammeln. Inzwischen ist er im zentralen Mittelfeld Lenker und Antreiber des Heidenheimer Spiels. Mit herausragenden Passwerten von um die 90 Prozent, die selbst wenn man Quer- und Rückpässe herausrechnet noch bei 80 Prozent liegen, bestimmt Dorsch das Tempo und die Richtung des Spiels. Darüber hinaus ist er auch noch Heidenheims wichtigster Balleroberer, der viele Zweikämpfe sowohl mit als auch gegen den Ball führt.

Der Artikel erschien in leicht veränderter Fassung am 30. August 2019 unter dem Titel „Auf der Suche nach einer Grundordnung“ im Nürnberger Stadtanzeiger, dem gemeinsamen Lokalteil von Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung, auf Seite 36.

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