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Taktiktafel: Dresden (A)

Der Trainer …

…heißt Cristian Ramon Fiel Casanova und ist Liebhaber von Ballbesitz („Ich bin ein Trainer, der gerne den Ball hat“) und Positionsspiel („Es ist ein Schwerpunkt in unserem Training, noch besser die Position zu finden“). „Fielo“, wie ihn die Menschen in Dresden rufen, ist Spanier. Spanier, Ballbesitzfußball, Positionsspiel. An einer Assoziation mit Pep Guardiola kommt man da fast nicht vorbei, vor allem wenn der eigene Kapitän den Vergleich zieht.

Fiel selbst wehrt sich gegen den Vergleich und versetzt Guardiola in andere Sphären. Dennoch sind die grundsätzlichen Vorstellungen von Fiel durchaus vergleichbar: Das heißt unter anderem möglichst flaches Herausspielen aus der Abwehr, viel Bewegung, Dreiecke bilden, so dass immer zwei Anspielstationen für den Ballführenden vorhanden sind. Die Spieler, so Fiel, sollen sich viel bewegen und „so anbieten, dass man den Ball in der offenen Stellung mitnehmen kann“. Also dergestalt, dass man den Ball sofort mit Geschwindigkeit weiterverarbeiten kann und nicht Zeit darauf verwenden muss, sich erst in Spielrichtung zu drehen.

Ansätze der Idee sah man bereits in der Vorsaison, als Fiel für die letzten elf Spiele an der Seitenlinie stand und Dresden in dieser Phase gegen die drei späteren Aufsteiger sieben Punkte holte. Im Vergleich zu den Vorgängern senkt Fiel die Häufigkeit der langen Bälle um fast ein Fünftel. Gleichzeitig erhöhte er die Intensität des eigenen Pressings. Etwas, das nun noch mehr in den Vordergrund rücken soll, womit man in der Vorbereitung aber noch Probleme hatte.

Die Grundordnung…

… ist bei Fiel meist ein 3-5-2, das gegen den Ball zum 5-3-2 wird. In der Vorbereitung ließ Fiel sowohl die Variante mit einem offensiven Mittelfeldspieler hinter den Spitzen spielen als auch eine Variante mit einem flachen Dreiermittelfeld. Im Spielaufbau rücken in beiden Varianten die Außenverteidiger bis weit vor die Mittellinie vor, während die äußeren Innenverteidiger der Viererkette dann nach außen gehen. Man steht dann also meist „hoch und breit“. Dies birgt eine gewisse Gefahr bei Ballverlusten im Spielaufbau, die dann Konter des Gegners einleiten. Schon in der Vorsaison kassierten nur drei Mannschaften in der Liga anteilig mehr Kontertore als die Dresdner.

Das Ziel im Aufbau ist es, über die Flügel zu spielen. Dynamo versucht dann die Flügel zu überladen, also neben den Flügelverteidigern bewegen sich auch ein Stürmer und ein Mittelfeldspieler auf die Außenbahn, wenn sich der Ball dort befindet. Man versucht dann dort die gegnerische Defensive durch numerische Überlegenheit auszuspielen.

All diese Charakteristiken machen das Spiel für die Außenbahnspieler besonders laufintensiv und anspruchsvoll, da sie sowohl in der Offensive als auch in der Defensive voll gefordert sind. Der Transfer von Chris Löwe von Premier League Absteiger Huddersfield könnte daher zum zentralen Transfer werden, wenn dieser es schafft, seine Rolle auf links gemäß den Vorgaben auszufüllen.

In der Vorbereitung kämpften die Sachsen oft noch mit dem geforderten Tempo in den Bewegungen, Cristian Fiel kritisierte, die Spieler müssen sich mehr „bewegen, weil man im Stand nichts bewirken kann“. Gleichzeitig zeigte Dynamo sich noch relativ anfällig für individuelle Fehler, gerade bei aggressivem Pressing. Ebenso wackelte Dynamo, wenn der Ball vom Gegner per schnellem Seitenwechsel hinter die Mittelfeldreihe gebracht wurde.

Die letzten Spiele…

… waren Testspiele. Darunter ein 1:6 gegen PSG, dem der Club einige Tage später ein 1:1 abtrotzte, ein 2:3 hinter verschlossenen Türen gegen Fürth und ein 1:1 gegen den Ex-Verein von Club-Trainer Canadi, Atromitos Athen. Gerade der indirekte Vergleich über die Spiele gegen Paris könnte zu Optimismus beim FCN einladen, ist aber gefährlich.

Denn die Chancenqualität der Franzosen gegen den Club war zwar geringer als in Dresden, was ein positives Licht auf die Defensive des FCN wirft, in vielen anderen Kategorien hielt Dynamo aber tatsächlich besser mit. Egal ob Ballbesitz, Passgenauigkeit, Offensivzweikämpfe, Pässe für Raumgewinn oder Ballverluste, in allen Kategorien schneidet Dynamo gegen PSG besser ab als der Club.

Dafür gibt es mit dem unterschiedlichen Spielverlauf und den unterschiedlichen taktischen Ansätzen der Trainer sicher gute Erklärungen und letztlich ist ein 1:1 für die Psyche sicher besser als ein 1:6. Einen Automatismus, der den Club zum klaren Sieger macht, stellt der Quervergleich aber nicht dar.

Der Schlüsselspieler …

… heißt Baris Atik. Der 24-Jährige nimmt im 3-5-2 meist eine Rolle im zentralen Mittelfeld ein. Dabei ist der in Hoffenheim ausgebildete Pfälzer mit türkischen Wurzeln offensiv auf vielerlei Weisen eine Gefahr. Mit seiner Dribbel- und Abschlussstärke sorgt er selbst für Gefahr vor dem gegnerischen Tor, kann aber dank seiner Passgenauigkeit selbst auf engem Raum auch die Mitspieler in Abschlusspositionen bringen. Selbst bei Pässen ins letzte Spielfelddrittel, die einer erhöhten Gefahr unterliegen, abgefangen zu werden, kamen noch 4 von 5 Zuspielen von Atik an.

Zusätzlich zählte er in der Vorsaison – in Relation zu den Einsatzminuten – zu den am häufigsten gefoulten Spielern der Liga. Er ist also schwer mit fairen Mitteln vom Ball zu trennen. Nach dem Foul kommt noch eine weitere Stärke Atiks ins Spiel: Die Standards. Da Atik auch als Flankengeber hohe Präzision hat, stellt er gerade bei Freistoßflanken eine Gefahr dar. Eine Schlüsselfrage am Samstag dürfte als darin liegen, wie das defensive Nürnberger Mittelfeld – wahrscheinlich Erras, Behrens, Jäger – Atik aus dem Spiel nimmt.

Der Artikel erschien in leicht veränderter Fassung am 26. Juli 2019 unter dem Titel „Guardiola und ein türkischer Pfälzer“ im Nürnberger Stadtanzeiger, dem gemeinsamen Lokalteil von Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung, auf Seite 36.

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