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Der Ball ruht – das ist gar nicht so ungewöhnlich

Der Ball ruht. In ganz Deutschland, in ganz Europa, auf der ganzen Welt (außer in Weißrussland) ist der Fußball zum Erliegen gekommen. So ungewohnt die Situation auch ist, die Tatsache, dass der Ball nicht im Spiel ist, ist eigentlich keine seltene. Der Ball ruht schließlich sogar während eines Spiels. Manchmal sogar mehr als die Hälfte der Spielzeit. So war der Ball in den Spielen des 1. FC Nürnberg in dieser Saison im Schnitt fast 46 Minuten aus dem Spiel. Das ergibt bei einer durchschnittlichen Spieldauer von 95 Minuten knapp 48 Prozent der Spieldauer, in welcher der Ball nicht im Spiel war.  Anteilig am längsten ruhte der Ball beim Hinspiel in Darmstadt, fast 58% der Spieldauer wurde mit Spielunterbrechungen zugebracht.

Der Club ist damit kein statistischer Ausreißer. In einer Studie des CIES Football Observatory wurde festgestellt, dass in allen Ligen effektive Spielzeit nur zwischen 59,7 Prozent (Schweden) und 50,2 Prozent (Tschechien) liegt. Für Deutschland sind die Werte mit 57,1 Prozent (Bundesliga) und 55,4% (Zweite Liga) notiert. Im Übrigen lässt sich hier ein weiteres Charakteristikum für „Zweitligafußballigkeit“ ablesen: In jeder zweiten Liga ist die anteilige Spielzeit deutlich geringer als in der zugehörigen ersten Liga.

Gleichzeitig bedeutet die Erkenntnis, dass der Ball selbst im Spielbetrieb teilweise fast eine Stunde ruht auch, dass die landläufigen Ballbesitzwerte eigentlich nur die halbe Wahrheit erzählen. Selbst im Spiel des FCN, in dem Ball anteilig am längsten im Spiel war, dem letzten Spiel vor der jetzigen Unterbrechung, war weder der die Ballbesitzzeit des Clubs (33:35 Minuten) noch die von Hannover (23:36 Minuten) länger als die Zeit, in der das Spiel unterbrochen war (35:49 Minuten).  Das heißt, der Ballbesitzwert des FCN, der mit 44,8 Prozent angegeben wird, stimmt so eigentlich gar nicht. Denn eigentlich hat der Club den Ball in der Saison 2019/20 nur 23,3 Prozent der Spielzeit in seinem Besitz gehabt.

Wie wenig Rückschlüsse Ballbesitzzeit dann aber auf das einzelne Ergebnis zulässt, zeigen gerade die beiden Spiele gegen Hannover eindrücklich. Während der Club das Rückspiel mit 0:3 verlor, dabei aber die längste Ballbesitzzeit und den höchsten Ballbesitzanteil (58,8 Prozent) der Saison verzeichnete, gewann er das Hinspiel mit 4:0, obwohl er in der niedersächsischen Landeshauptstadt sowohl anteilig (14,1 Prozent der Spielzeit, 26 Prozent bei herausgerechneten Spielpausen) als auch absolut (12:39 Minuten) die geringsten Werte in Sachen Ballbesitz verzeichnen konnte.

Was für das einzelne Spiel gilt, gilt allerdings nicht unbedingt für den Saisonverlauf als solches: So sind in den ersten Ligen von Tschechien, Belgien, Deutschland, Frankreich, Portugal, Griechenland, Holland und Spanien die Teams mit dem meisten Ballbesitz Tabellenführer, in Österreich, Schottland, Russland, Italien und England hat der Tabellenführer den zweimeisten Ballbesitz. Allerdings ist die Frage, inwiefern man in der Betrachtung hier Ursache und Wirkung verdreht, durchaus berechtigt: Sind die Mannschaften in ihrer Liga vorne, weil sie so viel Ballbesitz haben? Oder haben sie so viel Ballbesitz, weil sie Erster sind und die Gegner sich damit eher am eigenen Strafraum verbarrikadieren und den Ball hergeben?

Dass Ballbesitz alleine nicht glücklich macht, zeigen einige Beispiele aus ganz Europa: So ist Dynamo Dresden mit 52,3 Prozent Ballbesitz in dieser Wertung unter den Top 6 der Zweiten Liga, aber in der Tabelle dennoch Letzter, gleiches gilt für Barnsley (53 Prozent) in der zweiten englischen Liga. Brighton Hove Albion ist in der Premier League Fünfter nach Ballbesitz (55,5  Prozent), aber Fünfzehnter in der Tabelle und Girondins Bordeaux ist Frankreichs Ligue 1 Zwölfter in der Tabelle, aber hat den drittmeisten Ballbesitz. Dabei zeigen Bordeaux und Dresden, dass Ballbesitz der nicht zu Abschlüssen führt wirklich wertlos ist: Beide sind in Sachen Torschüsse weit hinten in ihren Ligen. Barnsley und Brighton dagegen sind ein Indiz dafür, dass das expected Goals Modell nicht völlig sinnbefreit ist: Beide sind in ihren Ligen die Teams mit dem schlechtesten Wert für expected Goals pro Schuss. Sie schließen ihren Ballbesitz zu oft aus ungünstigen Positionen ab.

Die angegebenen Ballanteile vom italienischen Anbieter Wyscout zeigen auch ein anderes Problem in der Einordnung von Ballbesitzwerten auf. Sie unterscheiden sich von Anbieter zu Anbieter. Nicht so extrem wie bei den Zweikampfwerten, aber dennoch sind die Methodiken unterschiedlich. Denn während Wyscout tatsächlich die Ballbesitzzeiten stoppt und sekundengenau angibt, verwendet Konkurrent Opta, dessen Daten u.a. vom Fachmagazin Kicker und TV-Sender Sky verwendet werden, eine andere Methodik. Hier wird einfach die Anzahl der Pässe einer Mannschaft durch die Anzahl aller Pässe im Spiel geteilt. Das belohnt Mannschaften, die viele kurze Pässe spielen, mit noch mehr Ballbesitz und erklärt, warum Manchester Citys Ballbesitz je nach Anbieter zwischen 69 und 62 Prozent notiert wird.

Es wird sicher dauern, bis wieder etwas notiert wird, doch auch dann wird der Ball immer noch öfter ruhen, auch im Spiel. Am seltensten im schwedischen Sundsvall. Der örtliche Erstligist hat europaweit die geringsten Ruhephasen für den Ball, nur 36,8 Prozent der Spielzeit ruht der Ball. Am häufigsten tut er das im spanischen Alcoron. Doch selbst die 54,2 Prozent Ruhepausen werden alle Fußballfans nach der jetzigen Zwangspause gern ertragen.

Der Artikel erschien in leicht veränderter Fassung am 25. März 2020 unter dem Titel „Fußball ohne Ball“ im Nürnberger Stadtanzeiger, dem gemeinsamen Lokalteil von Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung, auf Seite 27.

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