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Taktiktafel: Kiel (H)

Der Trainer …

… ist jünger als einige seiner Spieler. OIe Werner ist Jahrgang 1988 und dennoch bereits seit sechs Jahren Trainer im Stab von Holstein Kiel. Auch als Spieler war er bei den Störchen, allerdings musste er bereits 20-jährig seine Karriere wegen Hüftproblemen beenden.  Mit 26 Jahren übernahm Werner die zweite Mannschaft des Vereins, führte sie aus der Oberliga in die Regionalliga und trainierte sie bis im September 2019.  Dann übernahm er den Job als Trainer der Profis von Andre Schubert, obwohl er parallel noch den Lehrgang zum Fußballlehrer durchläuft.

Schubert, der erst in der Sommerpause von Eintracht Braunschweig geholt worden war, war nicht allein wegen ausbleibender Ergebnisse entlassen worden oder weil es menschlich zwischen Verein und Trainer erhebliche Reibung gab, sondern vor allem auch, weil Schuberts Spielstil so völlig konträr zu dem war, was die Mannschaft zuvor unter Tim Walter gespielt hatte.

Der hatte seinen „Walterball“, den er nun in Stuttgart spielen lässt, auch in Kiel gespielt, Schubert das Rad dann radikal zurückgedreht: Keine Positionswechsel der Spieler, dafür viele Formationswechsel der Mannschaft, kaum Tempo, Anpassung an den Gegner. Werner drehte, nachdem er von Schubert übernahm, an einigen dieser Stellschrauben.

Die Grundordnung …

… trägt diesen Veränderungen Rechnung. Werner lässt die meiste Zeit im 4-3-3 spielen, versucht wieder dem Gegner das Spiel aufzuzwängen und versucht vieles spielerisch zu lösen. Erkennbar ist das zum Beispiel an einem interessanten statistischen Wert. Holstein Kiel schließt Angriffe selten mit Fernschüssen ab. Nur knapp 36 Prozent der Schüsse der Störche werden außerhalb des Strafraums abgegeben, einzig der VfB Stuttgart hat eine noch geringere Quote.

Eine sinnvolle Einschränkung, da Fernschüsse deutlich seltener den Weg ins Tor finden als Abschlüsse von innerhalb des Strafraums. Der 1. FC Nürnberg kommt bei Fernschüssen auf eine Quote von fast 50 Prozent. Obwohl Kiel nur selten von außerhalb abzieht, steht es in Sachen Schussanzahl unter den Top 5 der Liga. Dies gilt auch für die Kategorien Ballbesitz, Anzahl der Pässe, Dribblings, Ballkontakte im Strafraum, Pässe ins Angriffsdrittel und Pässe in Tornähe.

Aus diesen statistischen Werten ergibt sich ein sehr gutes Bild der offensiven Ausprägung des Spiels unter Werner. Man versucht mit vielen eher kurzen Bällen sich in den Strafraum zu kombinieren, scheut sich aber nicht davor, das Dribbling zu suchen. Abschlüsse sucht man dann aber erst, wenn man in Tornähe gekommen ist. Es ist ein geduldiges Spiel, das aber ertragreich ist. 21 Treffer von Kiel fielen aus dem Positionsspiel heraus, also nicht aus Konter, Standard, Eigentor oder Elfmeter. Kein Zweitligist hat mehr Tore dieser Art erzielt.

Die letzten Spiele …

… waren mit wenigen Ausnahmen erfolgreich. Betrachtet man nur die sieben Spiele seit dem 10. Spieltag, holten nur Bielefeld und Heidenheim mehr Punkte als Holstein – und niemand weniger als der FCN. Dennoch kassierten in dieser Phase nur Karlsruhe (15) und Nürnberg (18) mehr Gegentore als die Störche (12). Vier dieser Gegentore kamen in der letzten Woche im Heimspiel gegen Osnabrück, drei beim 6:3-Sieg gegen Wiesbaden zwei Wochen zuvor.

Die Defensive der Gäste kann am Sonntag also durchaus geknackt werden. Besonders auffällig bei den zugelassenen Chancen in den letzten Wochen war, dass sie sich häufig aus Situationen ergaben, in denen die Kieler im eigenen Aufbau unter Druck gesetzt wurden. Darunter waren sowohl Pressingsituationen im geordneten Aufbau, meist waren es aber Gegenpressingsituationen, bei denen die Kieler gerade den Ball erobert hatten. Ebenso wurden sie relativ oft durch Angriffe über den Flügel unter Druck gesetzt.

Der Schlüsselspieler …

… ist der Grund dafür, dass das Spiel der Kieler so linkslastig ist wie keinem anderen Zweitligisten außer Hannover 96. 41 Prozent aller Angriffe laufen über links und damit über Jae-Sung Lee. Der Südkoreaner ist mit sechs Toren Kiels bester Torschütze, leitet viele Angriffe ein und gehört in Sachen kreative Anspiele, Erfolgsquote von Dribblings, Pässe in Tornähe und Läufe für Raumgewinn zu den besten der Liga.

Das Besondere an Holstein Kiel ist jedoch, dass Lee keineswegs der Alleinunterhalter im Angriffsspiel der Störche ist. Neben Lee hat Kiel mit Makana Baku noch einen weiteren Top 10 Dribbler in seinen Reihen, der auch in Sachen Ballkontakte im gegnerischen Strafraum und Pässe in Tornähe spitze ist. Die Innenverteidiger Hauke Wahl und Stefan Thesker sind diejenigen, die in der gesamten Liga den Ball am häufigsten durch ein Lauf mit dem Spielgrät am Fuß vorwärtsbewegen. Linksverteidiger Johannes van den Bergh ist der Spieler mit den meisten Pässen, die zu Torabschlüssen führen, in der gesamten Liga, was auch damit zusammenhängt, dass er die genausten Flanken unter allen statistisch aussagekräftigen Spielern schlägt.

Der Artikel erschien in leicht veränderter Fassung am 13. Dezember 2019 unter dem Titel „Angriffslustige Störche“ im Nürnberger Stadtanzeiger, dem gemeinsamen Lokalteil von Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung, auf Seite 40.

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