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Taktiktafel: Karlsruhe (H)

Der Trainer…

… ist nach Hecking und Schmidt der dritte gegnerische Coach mit Clubvergangenheit. Alois Schwartz war Nachfolger von René Weiler und Vorgänger von Michael Köllner. Im Gegensatz zu ihnen feierte Schwartz keine Erfolge mit dem Club, wurde nach einem 0:1 gegen Fürth und vier Punkten aus sechs Rückrundenspielen entlassen. Neben der Außendarstellung, die oft so wirkte, als sei Nürnberg Schwartz einfach ein wenig zu groß, war die Hauptkritik am 52-Jährigen tatsächlich fußballerisch: Defensiv, antiquiert, einfallslos, langweilig waren die Adjektive, mit denen die Spielweise des FCN beschrieben wurde.

Zumindest in Sachen „defensiv“ würde Schwartz seinen Kritikern wahrscheinlich nicht widersprechen. Fußball unter Alois Schwartz lebt von der defensiven Stabilität, weswegen er im Gespräch mit der Pforzheimer Zeitung unumwunden zugibt, dass ihn die hohe Zahl an Gegentoren in dieser Saison – nur bei Wiesbaden und Bochum stehen mehr zu Buche – wurmt: „Wir haben zu viele Gegentore hinnehmen müssen. Die Balance zwischen Offensive und Defensive müssen wir wieder verbessern. Aber: Im Moment wird jeder Fehler, der uns unterläuft, bestraft.“

Die Grundformation…

… war in der Liga mit Ausnahme von wenigen Minuten stets ein 4-4-2. Allerdings wechselt Alois Schwartz die Formation je nach Gegner und Spielsituation zwischen einem flachen 4-4-2 und einem 4-4-2 mit Raute. Die Frage, die sich für Alois Schwartz also stellt, ist, ob er gegen das 3-3-2-2 von Damir Canadi auf eine doppelte Besetzung der Außen setzt oder lieber das Zentrum stärkt. Im flachen 4-4-2 würden gegen die Flügelverteidiger des FCN, welche nominell die Seiten allein beackern, zwei Spieler stehen. Im 4-4-2 mit Raute dagegen würde man dem numerisch stark besetzten Mittelfeldzentrum mit eigener Kompaktheit entgegengetreten.  

Das 4-4-2 mit Raute wurde zu Beginn der 2000er Jahre durch die Erfolge von Werder Bremen präsent, wird aber auf Grund dessen, dass es nur mit starken Außenverteidigern nicht flügellahm ist und zusätzlich eines kreativen Spielmachers bedarf, inzwischen nur noch selten von Trainern als primäres System gewählt. Egal mit welcher Grundformation Schwartz auflaufen lässt, ist sein grundsätzlicher Ansatz, dass aus einer kompakten Defensive schnell umgeschaltet und nach vorne gespielt werden soll. Das führt dazu, dass der KSC kein Team ist, das Ballbesitzfußball spielt und in dieser Kategorie ligaweit den vorletzten Platz belegt.

Die letzten Spiele…

… waren eine Sache von Serien: Erst gab es in Pokal und Liga drei Siege am Stück, dann setzte es drei Niederlagen. Im ersten Spiel nach der Länderspielpause gewann der KSC jetzt wieder. Beim 1:0 gegen Sandhausen blieb der KSC erstmals in dieser Zweitligasaison ohne Gegentor. Dennoch zeigte sich die Karlsruher Defensive auch im Nachbarschaftsduell nicht immer sattelfest. Wie in den Spielen zuvor taten sich die Badener mit tief in den Raum vor die Innenverteidiger gespielten Bällen schwer. Egal ob die gegnerischen Angreifer den Ball auf nachrückende Spieler verteilten oder selbst mit Tempo verarbeiteten, hier fehlte Pisot und Gordon im Abwehrzentrum oft die Fähigkeit zum Zugriff. Etwas, das der Club in Form von Michael Frey ausnutzen könnte.

Andererseits waren die Karlsruher bisher in der Offensive nach hohen Hereingaben überdurchschnittlich gefährlich. Sechs der zehn Karlsruher Tore fielen nach hohen Bällen, hinzu kamen eine nicht unerhebliche Zahl an Gelegenheiten nach Standards und Flanken. Ligaweit hat der KSC die beste Quote in Sachen gewonnene Kopfballduelle und zieht einen wesentlichen Teil seiner Offensivstärke aus diesem Fakt. Gerade im Hinblick auf die Probleme, die sich in der Club-Deckung in Darmstadt in Sachen Kopfballspiel offenbarten, wird hier ein Ansatzpunkt der Gäste morgen liegen.

Der Schlüsselspieler…

…  ist mit vier Vorlagen in sechs Spielen derzeit unter den besten Vorbereitern der Liga. Marvin Wanitzek tritt beim KSC die Ecken von rechts und bereitete so Philipp Hofmanns Kopfballtore in Wehen und gegen Dresden vor. Ein Teil der Standardstärke Karlsruhes rührt also aus Wanitzeks Fähigkeiten am ruhenden Ball, denn auch Wanitzeks zweite Vorlage auf Hofmann gegen Dresden war technisch gesehen ein Standard. Allerdings war es ein schnell ausgeführter flacher Freistoß.

Darüber hinaus ist Wanitzek aber auch dann, wenn der Ball rollt, im zentralen Mittelfeld Schaltzentrale des KSC-Spiels. Im flachen 4-4-2 bildet er mit Fröde die Doppel-Acht, im 4-4-2 mit Raute spielt Wanitzek auf der Zehn. Der in Hoffenheim und Stuttgart ausgebildete Badener taucht in fast allen statistischen Kategorien mannschaftsintern an der Spitze auf: Egal ob erfolgreiche Dribblings, gewonnene Offensivzweikämpfe, geschlagene Flanken, gespielte Steckpässe oder eroberte Bälle, Wanitzek ist stets unter den besten drei Karlsruhern. Die Spieler vor ihm sind aber in jeder Kategorie andere.

Viel wird morgen also davon abhängen, wie Johannes Geis den 26-Jährigen in den Griff bekommt und ob der Club wenige Standards zulässt. Denn, wenn Wanitzek von rechts und Marc Lorenz von links genug Ecken und Freistöße schlagen dürfen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein Ball den Kopf von Hofmann, Gordon oder Pisot findet und der von dort den Weg ins Club-Tor.

Der Artikel erschien in leicht veränderter Fassung am 20. September 2019 unter dem Titel „Auf der Suche nach der Balance“ im Nürnberger Stadtanzeiger, dem gemeinsamen Lokalteil von Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung, auf Seite 36.

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