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You have to win Zweikampf?

Wer gewinnt eher ein Fußballspiel? Die Mannschaft mit mehr oder die mit weniger gewonnenen Zweikämpfen?

Intuitiv neigt jeder Zuschauer wahrscheinlich dazu, zu sagen: Wer mehr Zweikämpfe gewinnt, gewinnt das Spiel. Ein Blick in die Daten verrät aber: Es gibt keinerlei Korrelation zwischen Zweikampfquote und Punkteausbeute. Exemplarisch an den letzten zwei Spieltagen der Zweiten Liga vor der Winterpause 2019/20 heißt das: Legt man die Zahlen des führenden Datenanbieters Opta zu Grunde holten die Teams, die mehr Zweikämpfe gewannen, 19 Punkte, die Teams, die mehr Zweikämpfe verloren, 28. Nimmt man die Daten von Konkurrent Wyscout, holten die unterlegenen Teams 22 Punkte, die, welche mehr Duelle gewannen 26.

Sollten sich nun Fragezeichen auf der Stirn bilden, warum nicht bei beiden Anbietern dasselbe Ergebnis zu Buche steht, ist das verständlich, aber erklärbar: Bei keiner Statistik divergieren die verschiedenen Datenanbieter so sehr wie bei den Zweikämpfen. Ein Beispiel vom 18. Spieltag der Zweitligasaison 2019/20. Das Spiel Hannover 96 – VfB Stuttgart stand bei Opta mit 59%:41% zu Gunsten von Hannover zu Buche, bei Sportec, einer Tochterfirma der DFL, dagegen ging das Spiel 49%:51% für Stuttgart aus, die Italiener von Wyscout führen 55%:40% ins Feld – und bewerten 5 Prozent der Duelle als „neutral“, also ein Zweikampf, der zwar erfolgreich war, aber nicht zu einem Ballbesitzwechsel geführt hat, zum Beispiel, weil der Ball ins Aus ging.

Das ist kein Einzelfall, sondern vielmehr die Regel. In nahezu jedem Spiel unterscheiden sich die Anbieter und das auch zum Teil erheblich. Das hat dann auch Auswirkungen auf die allgemeinen Werte der Mannschaften. Besonders eklatant fällt dies beim VfB Stuttgart auf, der bei Sportec mit 52% gewonnenen Duellen zum Jahreswechsel 2019/20 Spitzenreiter war, bei Wyscout mit 47% deutlich schwächer war und bei Opta mit 50% in der Mitte lag. Zur Einordnung: Der FCN wurde bei Opta mit 48% Zweikampfquote, bei Sportec mit 47% und bei Wyscout mit 49% geführt.

Warum also sind die Werte so unterschiedlich? Stefan Placht von Opta macht darauf aufmerksam, dass sich „aus unterschiedlichen Definitionen unterschiedliche Zahlen ergeben.“ Gemein haben alle Anbieter, dass die Erfassung durch einen Menschen erfolgt, der Ereignisse in eine Datenbank auf Grundlage einer Definition kodiert. Ein Blick in das Handbuch das Opta zeigt, dass die Firma die Aktionen, die als gewonnener Zweikampf zählen, so dargelegt hat: Spieler erreicht Ball im Kopfballduell, Spieler umspielt Gegner mit Ball am Fuß, Verteidiger nimmt dem Angreifer den Ball vom Fuß, Spieler wird gefoult.

Bei Sportec dagegen gibt es eine lange semantische Definition: „Eine Spieleraktion, in der zwei Spieler verschiedener Mannschaften die physische Möglichkeit besitzen, Ballkontrolle entweder zu erlangen oder zu erhalten und dieses auch versuchen. Ein Zweikampf setzt eine Ballberührung durch einen der beteiligten Spieler oder ein Foul am Gegner voraus. Bei jedem Zweikampf gibt es einen Verlierer und einen Gewinner. Der Gewinner ist derjenige Spieler, der am Ende des Zweikampfes die Richtung des Balles bestimmt.“

Wyscout indes unterteilt die Duelle in Offensivzweikampf (Spieler hat den Ball und versucht den Verteidiger zu umspielen), Defensivzweikampf (Spieler hat den Ball nicht und versucht ihn zu erlangen), Luftzweikampf (zwei Spieler gehen zum in der Luft gespielten Ball) und Bodenzweikampf um den freien Ball (zwei Spieler gehen auf einen frei gewordenen Ball am Boden). Diese Unterteilung hat den Vorteil, dass sie genauere Aussagen darüber trifft, welche Art von Duell gewonnen oder verloren wurde, was in der Bewertung durchaus einen Unterschied macht. Ein Innenverteidiger, der vier Duelle im gegnerischen Strafraum verliert, ist anders zu bewerten als einer, der vier Duelle im eigenen Sechzehner verliert. Der FCN

Man erkennt: Opta eine etwas enger gefasste, weil mit klaren Ereignissen umrissene Definition von Zweikampf als Sportec und Wyscout. Das erklärt zum Teil die Ergebnisse. Der Faktor Mensch erklärt sie ebenfalls: Bei allen Firmen sitzen zur Codierung der Zweikämpfe Menschen vor einem Bildschirm und kommen zu unterschiedlichen Einschätzungen.

Generell zeigt eine genauere Befassung mit den Definitionen und Daten, dass die globale Zweikampfquote kaum Rückschlüsse auf Erfolgsaussichten oder auch nur Mannschaftsverhalten zulässt. Viel wichtiger als die Zahl oder die Quote der Duelle, ist der Ort und Art der Zweikämpfe. Ein verlorener Zweikampf mit Ball auf dem Flügel am gegnerischen Strafraum ist meist weniger schwerwiegend als einer ohne Ball zehn Meter vor dem eigenen Tor. Die Quoten sind daher sowohl für Mannschaften als auch für Spieler mit extremer Vorsicht zu genießen. Sie sind wie Taktikautor Tobias Escher meinte wie das alte Klischee über die Wurst: „Man will gar nicht wissen, was alles reinkommt.“

Der Artikel erschien in leicht veränderter Fassung am 10. Januar unter dem Titel „Vom Wesen der Zweikämpfe“ im Nürnberger Stadtanzeiger, dem gemeinsamen Lokalteil von Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung.

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